8. November 2016
 

Bilder einer Stoffentwicklung: „Kästner und der kleine Dienstag“ - Rückblick von Dorothee Schön

Ich habe ja schon viele Drehbücher geschrieben, aber das „Kästner“-Projekt ist auch für mich ein ganz besonderes. Nicht nur, weil es von der ersten Idee bis zum fertigen Film am längsten gedauert hat (12 Jahre!), sondern auch, weil ich durch die Veranstaltung auf dem Filmfestival Cologne diese unglaublich lange Entwicklungszeit noch einmal komprimiert nacherleben konnte. Einem Drehbuchautor ist eine solche Chance normalerweise sonst nicht vergönnt. Eine echte Zeitreise ins eigene Schaffen, und das auch noch gemeinsam mit dem von mir verehrten Christoph Maria Herbst!

Aber ein wenig mulmig war mir schon bei der Vorstellung, dass aus den früheren Drehbuchfassungen (insgesamt neun! Herrjeh!) vorgetragen würde. Es gibt ja Gründe, warum man Drehbücher überarbeitet. Und ich bin immer überzeugt, dass meine letzte Fassung auch meine Bestmögliche ist. Daher könnte die Wiederbegegnung mit den Anfängen eines Buches auch peinlich sein. So peinlich wie das veraltete Passbild auf dem Führerschein mit scheußlicher Brille und unmöglichem Haarschnitt – man erkennt sich zwar noch, aber man ist froh, dass man inzwischen nichtmehr so aussieht.

Aber es kam glücklicherweise ganz anders: Die kluge Szenenauswahl von Karin Laub und Katharina Amling, die von den Schauspielern lebendig vorgetragen wurde, hat erfahrbar gemacht, dass es nicht nur eine einzige, alternativlose Entwicklung für dieses Drehbuch gegeben hätte. Die Stammzelle dieser Filmidee hätte zu ganz unterschiedlichen Erzähl-Organismen wachsen können, - alle mit eigenem Reiz und eigener Berechtigung. Es bestätigte sich einmal mehr meine Überzeugung, dass es nicht den einen, alleinselig-machenden dramaturgischen Pfad zu einem drehfertigen Buch gibt.

Andererseits hat die Wiederbegegnung mit alten „Kästner“-Fassungen auch gezeigt, dass Produktion, Redaktion und ich bei der Buchentwicklung gemeinsam immer wieder aufs Neue unsere ursprünglichen Fragen an den Stoff gestellt haben und zu immer pointierteren, klareren Antworten gekommen sind. Es hätte in dem Stoff durchaus auch ein anderer und nicht weniger gelungener Film gelegen, aber dieser hier ist unserer. Daher war die Entwicklung in sich stringent.

Mein persönliches Fazit zu dieser Veranstaltung, die mir meinen eigenen Arbeitsprozess gespiegelt und bewusst gemacht hat, möchte ich auch anderen Drehbuchautoren zurufen: Vertraut der eigenen Intuition. Es gibt Gründe, warum euch ein Stoff fasziniert, auch unbewusste. Es ist sinnlos, einer vermeintlichen Aktualität hinterherlaufen zu wollen. Das Medium Spielfilm ist dafür ohnehin viel zu lahm. Die gefühlte Notwendigkeit, eine bestimmte Geschichte erzählen zu wollen, kann einen durch die Mühen der (Stoffent-wicklungs-)Ebene tragen – die kalkulierte Spekulation auf die Resonanz anderer kann das nicht.

Die lange Arbeit an diesem Stoff hat tatsächlich nicht dazu geführt, dass er aus der Mode gekommen ist. Im Gegenteil: Tatsächlich empfinde ich Kästners Geschichte heute, 2016, wesentlich aktueller als im Jahr 2004, als ich das erste Exposé zu diesem Biopic geschrieben habe. Die Quintessenz des Films deckt sich mit Kästners Erkenntnis zur Genese des Dritten Reichs:

„Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät. […] Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden Ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat. Das ist die Lehre, das ist das Fazit dessen, was uns 1933 widerfuhr. […] Drohende Diktaturen lassen sich nur bekämpfen, ehe sie die Macht übernommen haben. Es ist eine Angelegenheit des Terminkalenders, nicht des Heroismus.“

So gesehen sollten alle Kulturschaffenden dringend in ihren Terminkalender sehen, angesichts von Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz, Hass und Verrohung des gesellschaftlichen Diskurses. Gerade, wenn sie ahnen, dass sie in Zukunft nicht zum Helden taugen.