10. Oktober 2017
 

Kriminell guter Geschmack, mörderisch gute Quote für die VDD-Autoren

Ein Bericht über das Krimi-Festival TATORT Eifel 2017 von VDD-Vorstandsmitglied Dinah Marte Golch

Sonne bricht atmosphärisch durch den Morgennebel. Über den Wäldern der Vulkaneifel ein wolkenloser Himmel. In den ausgebuchten Hotels für Wanderer klappert Frühstücksgeschirr. Eine Kleinstadt erwacht. Wer schon auf den Straßen ist, grüßt freundlich. Coffee to go sucht man hier vergebens. In der Vulkaneifel dreht sich die Welt noch langsam, hier trinkt man seinen Kaffee altmodisch im Sitzen. Es könnte fast schon idyllisch sein.

Doch die Einwohner des 8.000-Seeles-Ortes wissen: Sie sind unter uns. Mörder. Und es sind viele.

In einer leichten Brise tänzeln die Fahnen vor dem Forum, blähen sich, und kurz lassen sie einen Blick auf ihre ganze Präsenz erhaschen: „Tatort Eifel Krimifestival“. Gegenüber wirbt der Outdoor-Laden mit einem Fadenkreuz auf den Schaufenstern für todsichere Ausstattung jeder Art. Dann öffnet das Café in der Fußgängerzone. Die Spezialität dieser Woche ist die Tatort-Torte, die weg geht wie warme Semmeln.

 

     

 

Und dann kommen sie aus ihren Nestern, aus den Hotelzimmern: die Kriminalisten unserer Branche. Und den Rest des Tages trifft man sie überall: Autoren, Redakteure, Produzenten, Regisseure, Dramaturgen, Schauspieler. Der Ort ist geflutet von ihnen. Und wer tatsächlich hier in Daun wohnt, ist Dauergast im einzigen Kino und im Veranstaltungsforum und sieht sich das pralle Festivalprogramm an. Eine Stadt im Krimi-Ausnahmezustand. Ebenso übrigens wie jeder Frühstücksraum eines jeden Hotels. Noch bevor man seinen ersten Kaffee trinken kann, begrüßt man an jedem Tisch die Rührei essenden, leicht übernächtigt aussehenden Branchenkollegen, mit denen man vor ein paar Stunden noch weinselig von den Partys zurück gestolpert ist.

An dem sonnendurchfluteten Donnerstag dieser Woche stehen die Autoren ganz im Fokus und die besten von ihnen dürfen ihre Krimi-Stoffe vor Fachpublikum beim „Stoffbörse Pitching“ vorstellen.

Erstmals traf sich die diesjährige Jury der Stoffbörse zum Filmfest München:

 

von rechts: Julia Röskau (Leitung Fachprogramm Tatort Eifel), Christian Hobeck (Turner), Dinah Marte Golch (VDD Vorstand und Schirmherrin Stoffbörse), Solveig Cornelisen (ZDF), Kerstin Ramcke (Nordfilm), Robert Pfeffer (RTL), Jean-Young Kwak (RTL)

 

Der standesgemäße Tagungsort der Jury im Bayerischen Hof (bei Törtchen, Schmankerln und Kaffeetscherl unter schweren Kandelabern) lässt vermuten, dass die Sitzung keine Arbeit, sondern königlich-bayerischer Spaß war. Richtig vermutet. So war es. Denn neben mörderisch vielen Kalorien erfreuten uns vor allem die eingereichten Stoffe. Bunt, vielfältig, mal makaber, mal lustig, mal dramatisch. Und immer mörderisch. Manchmal ist es schade, dass bei zu gewinnenden Preisen irgendwann die Preise ausgehen. Aber die Autoren der vier ausgezeichneten Stoffe haben sich die Erstplatzierungen wirklich verdient und damit ein Gespräch mit einem der Jurymitglieder zum Stoff, eine Zusammenarbeit mit einem Dramaturgen zur Weiterentwicklung des Stoffes, ein Seminars zum Pitchen und dann natürlich den großen Auftritt beim Tatort Eifel Krimifestival vor dem Fachpublikum.

Meine einleitenden Worte zum Pitching als Schirmherrin der Stoffbörse wurden mit beistimmendem Nicken und betretenen Blicken (seitens mancher Sendervertreter und Produzenten) bedacht: Immer noch wird in unserer Branche die Stoffentwicklung viel zu schlecht bezahlt und somit rauben Auftraggeber unserer Kreativität die nötige Zeit, die nötige Sorgfalt. Der VDD kämpft seit langem und auch weiter für bessere Entwicklungs- und Recherche-Budgets. Und ermöglicht es bei der Stoffböse Autoren und Stoffen mit Potential, eben diese Zeit und Sorgfalt zu erhalten.

Zwei der vier Gewinner-Autoren sind Kollegen aus unserem Verband. Herzlichen Glückwunsch an Isabell Serauky, frisch gebackenes Junior-Mitglied, und Heiko Zupke!

 

Die Gewinner mit der Jury, links unsere ausgezeichneten VDD-Kollegen. Foto: Helmut Gassen / Tatort Eifel

 

Isabell Serauky:

„Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass ich an der Stoffentwicklungsbörse teilnehmen durfte. Noch nie zuvor hatte ich eine dramaturgische Beratung zu einem meiner Stoffe erfahren und war daher sehr gespannt. Marianne Wendt hat ganze Arbeit geleistet: Durch ihre großartigen Ideen und Hinweise ist mein Serien-Exposé deutlich stimmiger geworden. Die produktive Zusammenarbeit war eine wunderbare Erfahrung. Das Festival habe ich dann weniger mitbekommen, da ich mich voll und ganz auf das Pitch-Seminar mit Sibylle Kurz konzentriert habe. Ihre Vorbereitung war optimal, so dass der Pitch dann ganz ordentlich klappte. Alles in allem finde ich die Idee der Stoffentwicklungsbörse super: Man bekommt inhaltlich fundierten Input und lernt, die Idee zündend vorzutragen. Was will man mehr?“

 

Heiko Zupke:

„Aus Sicht eines Eifel-Veteranen (2009 Tatort-Workshop, 2011 und 2013 in der "Stoffbörse") halte ich für 2017 fest: Die Anreise aus Berlin ist und bleibt lang. Aber sie hat sich wieder gelohnt.  

Anfänger wie erfahrene AutorInnen durften sich schon immer zu Recht freuen, wenn die Jury aus hochkarätigen Fernseh-Praktikern ihre anonymisierten (Bravo!) Projekte so interessant fanden, dass sie sie auswählten. Ab 2015 wurde dann die Anzahl der Stoffe für die "Börse" deutlich reduziert. Die Vor-Auswahl wurde also noch härter. Wir vier SiegerInnen - ja, so durften wir uns ab diesem Zeitpunkt fühlen - konnten dann vor dem Festival eine dramaturgische Beratung durch VEDRA-Mitglieder in Anspruch nehmen. Ich kannte diese Neuerung noch nicht und kann für mich sagen, dass mein Serien-Set-Up durch die Gespräche und Notes von in meinem Fall Marianne Wendt ganz eindeutig an Profil gewann. 

Das Pitching-Bootcamp mit Sibylle Kurz vor Ort war wie immer fruchtbar dank ihrer individuellen Herangehensweise an Stoff und Persönlichkeit. Unsere vier durchaus unterschiedlichen Projekte waren von den Dramaturgen inhaltlich schon hinterfragt und von uns überarbeitet worden. So blieb verglichen mit den Vorjahren besonders viel Zeit dafür, an unseren Kernaussagen und dem Auftritt bei der Präsentation zu feilen. Tipps und Tricks, den Lampenfieberpegel zu senken waren natürlich allen willkommen. Natural born Entertainer sind selten in unserem Berufszweig, und wie lang und wie unglaublich kurz fünf Minuten doch subjektiv sein können!

Alle vier Pitche vor Fachpublikum gelangen dann ausgesprochen gut. In den angeregten Gesprächen danach und auch während des übrigen, abwechslungsreich und expertengespickt zusammengestellten Fachprogramms konnte man wieder viele persönliche Kontakte, das Fundament unserer Branche, neu knüpfen oder vertiefen. Und wir alle wissen, wie unberechenbar Ideen und Projekte mutieren können. Aus meinem "Stoffbörsen"-Serienprojekt von 2013 wurde ein Kinderkino-Drehbuch. In diesem Sinn: Es bleibt spannend.“

 

Dem kann ich mich nur anschließen und ich freue mich auf das nächste Tatort Eifel Krimifestival.

Bei meinem Shuttle von Daun nach Köln werde ich standesgemäß von einem Polizisten gefahren. Auf der Reise bekommt er den Anruf eines Freundes, er sei da in so eine Radarfalle gerast… In Daun schläft das Verbrechen eben nie. Und spätestens im Herbst 2019 beherrscht es wieder eine Woche lang die ganze Stadt. Ich kann jedem Autor nicht nur das ganze Festival mit seinem familiären, sehr besonderen Charme empfehlen, sondern allerwärmstens auch die Stoffbörse mit der Chance, einen guten Stoff noch besser an das Zielpublikum zu bringen!

 

von Dinah Marte Golch, Vorstand VDD