19. Oktober 2017
 

Rückblick auf die Filmkunstmesse Leipzig: "Auf der Suche nach dem Patentrezept"

Autor: Marc Mensch 

 

 

Filmpolitische Debatte in Leipzig: Ulrich Höcherl (Blickpunkt:Film), Christian Bräuer (AG Kino-Gilde), Alfred Holighaus (SPIO), Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries, Sebastian Andrae (Verband Deutscher Drehbuchautoren), Marco Mehlitz (Lago Film) (Bild: Rainer Justen)

 

Es ist mit Sicherheit eines der zentralen Signale, die von der diesjährigen Filmkunstmesse Leipzig ausgingen: Als Ort der Kulturvermittlung, der offenen Debatte und der thematischen Auseinandersetzung kommt dem Kino eine zunehmend wichtige Rolle zu - gerade in Anbetracht einer gesellschaftlichen Spaltung, die sich im Ergebnis der Bundestagswahl und dem erschreckenden Abschneiden der AfD manifestierte. Ein Punkt, den auch die scheidende Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) in ihrer Keynote zur zentralen Paneldiskussion hervorhob. Die Kinobranche, so Zypries, trage "extrem viel" zum politischen Diskurs und damit zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Schließlich gehen hier Kultur und Kommunikation Hand in Hand. "Wenn Kommunikation nicht mehr funktioniert, dann verabschieden sich Teile der Gesellschaft aus dem Diskurs - und gehen Wege, die der Mainstream nicht für richtig hält", so Zypries, die sich an dieser Stelle durchaus diplomatisch ausdrückte. Das Kino stelle eine wesentliche Säule der Kulturvermittlung dar - zumal Film einer der am leichtesten zugänglichen Kulturbereiche sei. Entsprechend wichtig sei es, dass die Politik den Film und das Kino wahrnehme. Einen Grund, in irgendeiner Form zwischen sogenannter "Hochkultur" oder "Kleinkultur" zu differenzieren, sieht die Ministerin dabei übrigens nicht. Diese Unterscheidung sei schlicht "irrelevant". Aus ihrer Sicht gebe es einen singulären Kulturbegriff, unter den sämtliche Ausdrucksformen fallen sollten, ganz gleich ob nun zum Beispiel Theater, Oper, Literatur - oder eben der Film. Es sei, so Zypries "kein Selbstzweck, wenn die Bundesregierung viel tut, um die vielfältige Kinolandschaft in Deutschland zu erhalten und die Rahmenbedingungen für künstlerisch herausragende Filme zu stärken".

Zypries' Ansprache machte generell einmal mehr deutlich, weshalb die Absage ihrer Partei an eine Regierungsverantwortung in der kommenden Legislaturperiode auch von zahlreichen Branchenangehörigen, die politisch anderweitig verortet und/oder nicht gerade Befürworter von weiteren vier Jahren GroKo sind, zumindest mit einem weinenden Auge betrachtet werden dürfte. Denn aus ihren Worten sprach insgesamt ein klares Bekenntnis zur Branche, dass sich unter anderem auch in dem Bestreben ausdrückte, den German Motion Picture Fund (GMPF) nicht nur verstetigt, sondern bereits im kommenden Jahr aufgestockt zu sehen. Der Widerstand der noch amtierenden Bundesregierung gegen EU-Angriffe auf das Territorialprinzip mag nun wiederum nicht von Vertretern der öffentlich-rechtlichen Sender goutiert werden - allerdings stehen sie mit ihrer Haltung zu diesem Thema bekanntermaßen auch recht alleine auf weiter (europäischer) Flur. Was den Kurs einer neuen Regierung anbelangt, konnte Zypries der Branche aber zumindest mit ihrer persönlichen Einschätzung Hoffnung machen. Zwar stehe diese in der potenziellen (Jamaika-)Konstellation (nicht zuletzt dank der Wildcard FDP, Anm.d.Red.) für durchaus unterschiedliche Ansichten - allerdings denke sie, dass man auch dort dem Thema Film gewogen sei.

Nicht dass die sich verändernde politische Landschaft nicht schon längst erste Spuren in der filmpolitischen Debatte hinterlassen würde. Auch Vertreter einer Partei wie der AfD schalten sich an dieser Stelle ein - was durchaus schon zu mehr oder minder aufgeregten (wenn auch noch nicht allzu öffentlichkeitswirksam ausgetragenen) Diskussionen über förderwürdige Inhalte führte. Was man bei der AfD darunter versteht, kann man sich womöglich an fünf Fingern abzählen. Kleiner Tipp: Ein Werk wie die (durchaus nicht unkontroverse) Dokumentation "Wildes Herz" zählt nicht unbedingt dazu. Regierungsverantwortung kommt der Partei zwar bekanntermaßen nirgends zu, aber wie heißt es so schön: "Wehret den Anfängen!" Insofern überraschte es nicht, dass der Umgang mit einem Umfeld, in dem Angehörige von Landesparlamenten die "Wiederbelebung eines klassisch deutschen Kanons" nicht nur im Bereich der Theater, sondern auch bei Kinofilmen einfordern, in Leipzig durchaus Gesprächsstoff lieferte. Zumal die gewählten Volksvertreter für die Kinos erst einmal das geringere Problem sind. Die Auseinandersetzung erfolgt schließlich zunächst auf Ebene der Bevölkerungsschichten, die ihr Kreuz entsprechend setzten. Nicht umsonst hob Knut Elstermann als Moderator der Gilde-Filmpreise den Veranstaltungsort Leipzig als "Insel der Toleranz und Freiheit" hervor - denn vergleichen Sie die dortigen Abstimmungsergebnisse einmal mit jenen im gesamten Freistaat Sachsen... Dass die nächste Vorstandssitzung der AG Kino-Gilde, bei der es auch um die Rolle der Programmkinos als Wertevermittler gehen soll, ausgerechnet in Gera stattfinden wird (wo Vorstandsmitglied Christian Pfeil das Metropol betreibt), ist beileibe kein Zufall. Dort schnitt die AfD als stärkste Kraft ab.

 

Über ein Besucherplus konnten sich Vorstand und Geschäftsführung der AG Kino-Gilde freuen: Petra Rockenfeller, Christian Pfeil, Felix Bruder (Geschäftsführer), Sigrid Limprecht, Christian Bräuer (Vorstandsvorsitzender) und Hermann Thieken (v.l.)  

 

"Dann kann man das Geld auch gleich nach Hollywood überweisen"

Generell gilt: Was die politische Wahrnehmung der Film- und Kinobranche hinsichtlich ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Relevanz betrifft, ist Etliches hart erkämpft. Und manche Errungenschaft könnte in kommenden Konstellationen einer neuen Bewertung unterliegen. Dabei ist noch nicht einmal die Rede von der europäischen Ebene, wo - um ein beliebtes Bild zu nutzen - noch ungleich dickere Bretter zu bohren sind. Dass die neue EU-Digitalkommissarin Mariya Gabriel als Bulgarin aus einem Land stammt, in dem die Filmbranche keinen übermäßig hohen Stellenwert besitzt (um es freundlich auszudrücken) sorgt auch beim Vorstand der AG Kino-Gilde durchaus für die eine oder andere kleine Sorgenfalte. Immerhin: Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt im Rahmen des Filmfestivals in Venedig hat sich Gabriel für eine Stärkung des in ihren Verantwortungsbereich fallenden MEDIA Programms ausgesprochen. Die Frage lautet allerdings vorrangig, welche Akzente damit künftig gesetzt werden sollen. Tatsächlich seien gerade europäische Themen im Rahmen der Mitgliederversammlung der AG Kino-Gilde sehr intensiv besprochen worden, wie deren Vorstandsvorsitzender Christian Bräuer und Vorstandsmitglied Sigrid Limprecht im Anschluss berichteten.

Reizwort ist in diesem Zusammenhang nicht zuletzt der "digitale Binnenmarkt". Denn der angepeilte Weg offenbart eklatante Diskrepanzen zwischen Theorie und filmwirtschaftlicher Realität. Eine Strategie, die mehr Öffentlichkeit für europäische Werke schaffen wolle, indem sie ausgerechnet jene Orte schwäche, die diese Werke überhaupt erst sichtbar machten, ist nach Ansicht von Bräuer jedenfalls zum Scheitern verurteilt: "Dann kann man das Geld auch gleich nach Hollywood überweisen", so die spitz formulierte Mahnung. Der Knackpunkt liege vielmehr darin, zu einer fundierten europäischen Marketingstrategie zu finden. Womit sich für den Verband in mehrfacher Hinsicht ein Kreis schließt. Denn wer bei Marketing ausschließlich an Leistungen des Verleihs denkt, liegt selbstverständlich falsch. Schließlich gewinnt die lokale Arbeit der Betreiber vor Ort zunehmend an Bedeutung. Dies gilt natürlich auch für den Mainstream. Aber umso mehr für den Arthouse-Bereich, der sich nicht zuletzt durch eine Vielzahl an begleitenden kulturellen wie medienpädagogischen Aktivitäten auszeichnet - und es vorrangig mit Werken zu tun hat, hinter denen keine millionenschweren internationalen Kampagnen stehen. Schon aus diesem Grund verfolgt die AG Kino-Gilde das Ziel, Marketing in "all seinen Facetten" stärker zu koordinieren, insbesondere im Bereich der Social Media.

Engagement alleine reicht indes nur begrenzt weit. Auch der Ort an sich muss das Potenzial besitzen, als Anziehungspunkt per se zu fungieren. Und wie es Christian Bräuer zuletzt schon im Interview mit Blickpunkt: Film einmal mehr deutlich machte, lässt es die Erlösstruktur gerade im Filmkunstmarkt insgesamt betrachtet nicht zu, Erhalt und Modernisierung von Kinos voll aus eigener Kraft zu stemmen. Dabei beginnen die Probleme nicht etwa erst mit technischen (R)Evolutionen. Wer sehen will, wie sich Kinobetreibermienen verfinstern, möge nur einmal das Wort "Brandschutz" in die Runde werfen. Ergo plädiert die AG Kino-Gilde (wie dies in vergleichbarer Form auch der HDF Kino tut) für einen auf fünf Jahre angelegten Zukunftsfonds, um die Modernisierung und Digitalisierung der deutschen Kinoinfrastruktur voranzubringen. Das Schlagwort "Digitalisierung" umfasst dabei nicht etwa nur den nächsten, unvermeidbaren Schritt in der Projektion. Gemeint ist die Volldigitalisierung des Kinobetriebs, die nicht zuletzt Voraussetzung ist, um Kundenbindung neu zu denken. Dazu nur ein Fakt: Laut dem Vorstand der AG Kino-Gilde verfügt ein Drittel ihrer Mitglieder derzeit noch nicht über elektronische Kassensysteme. Doch auch die Themen Barrierefreiheit und ökologische Nachhaltigkeit stehen weit oben auf der Agenda - und es handelt sich, wie Christian Bräuer klar machte, dabei nicht immer zwangsweise um Investitionen, die sich im Katalog der potenziell besuchssteigernden Maßnahmen wiederfinden. Ebenfalls öffentlich angeregt wurde in Leipzig eine innovations- und anreizorientierte Förderung von anspruchsvollen Filmprogrammen in Anlehnung an das französische Programm "Classement Art et Essai".

 

Neue Location, gewohnt kurzweilige Inszenierung und überaus würdige Preisträger: die Gilde-Filmpreise (Bild: Uwe Frauendorf)

 

"Ein Austausch findet nicht in annähernd ausreichendem Maße statt"

Kinos in die Lage zu versetzen, ihrer Rolle als jenem Ort gerecht zu werden, an dem Filme überhaupt erst Relevanz gewinnen, ist indes nur die eine Seite der Medaille. Und es gab kaum ein anderes Thema, dass in Leipzig so intensiv diskutiert wurde wie die Frage nach dem Umgang mit der Filmflut. Dazu nur einleitend eine Bemerkung: Ob man Begriffe wie "Filmflut" oder "Content" nun ablehnt, macht im Ergebnis keinen Unterschied, solange am Ende dasselbe gemeint ist. Wie komplex der sprichwörtliche gordische Knoten an dieser Stelle gestrickt ist, machten beispielhaft ein von AG-Geschäftsführer Felix Bruder geleiteter Workshop in Kooperation mit der Young Producers' Association, dem Verband Deutscher Drehbuchautoren und dem Verband für Film- und Fernsehdramaturgie (VeDRA) sowie die bereits angesprochene, von BF-Chefredakteur Ulrich Höcherl geleitete, zentrale Pandeldiskussion deutlich.

Um zu versuchen, einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu formulieren: Die Frage, ob per se zu viele Filme in Deutschland gefördert, produziert und auf die Leinwand gebracht werden, mag nicht völlig unumstritten sein - wobei es naturgemäß vor allem die Produzenten sind, die sich gegen Maßnahmen auf Ebene der Quantität aussprechen. Kein Wunder, schließlich leben Produktionsunternehmen in viel zu vielen Fällen nicht von der Auswertung (die dringende Herausforderung, die Eigenkapitalbasis und die Verhandlungsposition von Produzenten insbesondere gegenüber Sendern zu stärken, soll nicht unerwähnt bleiben, ihre Erörterung würde an dieser Stelle den Rahmen jedoch sprengen). Unbestritten dürfte hingegen sein, dass (viel) zu viele Filme im Kino geradezu unbemerkt bleiben - und an dieser Stelle hilft auch der Verweis auf enge Zielgruppenfokussierung insbesondere im Dokumentarfilmbereich nur bedingt weiter. Zumal sich wohl kaum leugnen lässt, dass schon rein rechnerisch das Missverhältnis zwischen Leinwandbestand und Filmangebot in den vergangenen Jahren dramatisch gewachsen ist. Nicht erkennen lässt sich indes laut Bräuer, dass das "Mehr an Produktion" zu einem "Mehr an qualitativ hochwertigen, kinotauglichen Filmen" geführt habe. Nicht umsonst stoße der Vorstand der AG Kino-Gilde laut Bräuer "auf die ganz eindeutige Unterstützung seiner Mitglieder", wenn er die Notwendigkeit abgestimmter Förderziele betone.

Eine Steilvorlage für VDD-Vorstand Sebastian Andrae, der seinerseits feststellte, dass viel zu wenig über das Publikum nachdacht werde. Dieses ließe sich, auch angesichts der hochwertigen Konkurrenz in den Wohnzimmern, nur mit Inhalten abholen, die es träfen - und die entsprechend gut aufbereitet seien. Nicht dass Andrae an dieser Stelle allzu viel Überzeugungsarbeit hätte leisten müssen. Denn wenn es innerhalb des komplexen Themenfeldes eine Ansicht gibt, mit der man (und das beileibe nicht nur in Reihen von VDD oder VeDRA) offene Türen einrennt, dann jene, dass die Stoffentwicklung gestärkt werden muss. Nicht umsonst zählt der Ausbau der Drehbuchförderung zu den wenigen echten Impulsen, die mit dem neuen FFG gesetzt wurden. An dieser Stelle könnte man durchaus breiten Konsens wittern, auch wenn zwischen Wunsch und Realität nicht zuletzt bei der Bezahlung der Autoren noch eine enorme Lücke klafft. Denn dass sorgfältige Entwicklung entsprechend honoriert sein will, sollte sich von selbst verstehen. So stellte auch Produzent Marco Mehlitz (Lago Film) klar fest, dass die "Verantwortung im Kino" größer sei. Doch gerade bei der Entwicklung sehe man sich mit schwierigen zeitlichen und finanziellen Rahmenbedingungen konfrontiert, hier benötige man mehr Unterstützung. Daneben regte er auch einen engeren Austausch mit den Kinos an: "Mehr Feedback", lautet sein Wunsch.

Grundsätzlich gelangt man zu einer nicht ganz neuen Gretchenfrage, bei der sich in Leipzig einmal mehr die Geister schieden. Nämlich jener, wie mit Projekten zu verfahren sein müsste, die den jetzigen (oder auch einen optimierten) Prozess durchlaufen, um sich spätestens bei Fertigstellung dann als "gescheitert" zu erweisen. An dieser Stelle wurde mit der Einführung des "Freischusses" im FFG zwar reagiert, allerdings nicht in einem Maße, das gemeinhin als ausreichend oder nachhaltig betrachtet wird. Generell aber gilt: Egal ob man nun einen Förderstopp nach einer Anzahl x an Flops ins Gespräch bringt; den generellen Verzicht auf Sperrfristen für Projekte fordert, die sich als nicht kinotauglich erweisen oder von Beginn an die Hürden für eine Förderung höher zieht: Entweder begibt man sich in einen Konflikt mit dem Wunsch, Mut & Kreativität zu befördern, anstatt sie zu beschneiden. Oder man öffnet dem potenziellen Missbrauch Tür und Tor. Hier liegt der Hase im Pfeffer, wie es in Leipzig unter anderem Christian Berg (Medienboard Berlin-Brandenburg) bestätigte.

Dass bei der Debatte über kinotaugliche Projekte auch mehrfach die Rolle der (öffentlich-rechtlichen) Sender zur Sprache kam, liegt ebenso auf der Hand wie die Tatsache, dass man ihnen in vielfacher Hinsicht die Rolle des Buhmanns zukommen ließ. Ohne an dieser Stelle eine Bewertung hinsichtlich der Frage vornehmen zu wollen, wie sehr Kinofilme inhaltlich und ästhetisch unter der Einflussnahme von Fernsehredaktionen leiden: Die Bedeutung der Fernsehsender als Finanzierungs- bzw. Koproduktionspartner ist enorm. Man darf MDM-Geschäftsführer Claas Danielsen durchaus in mehrfacher Hinsicht beipflichten, wenn er im Rahmen der Verleihung der MDM-Kinoprogrammpreise auf der einen Seite nicht nur eine "gefährliche Situation" beklagte, in der Öffentlich-Rechtliche mehr oder minder offen ihr Desinteresse an Projekten bekunden, die einer Sperrfrist nach Vorgabe des FFG unterliegen und er dabei gleichzeitig feststellte, dass dort vielleicht mitunter falsche Prioritäten im Spannungsfeld zwischen Reichweite und Qualität gesetzt würden. Und wenn er auf der anderen Seite darauf verwies, dass diese Player als Partner der Filmförderung in der momentanen Situation schlicht unverzichtbar seien. Oder um es mit den Worten von Christian Bräuer zu sagen: Zwar fehle ihm bei den Öffentlich-Rechtlichen die Vision - sie aus der Filmfinanzierung herauszuhalten, sei aber "Wunschdenken". Denn den politischen Willen, eine ansonsten entstehende Lücke anderweitig zu schließen, kann beileibe nicht nur Danielsen aktuell nicht erkennen. Ob eine zumindest teilweise Lösung für dieses Problem in einem "entspannteren Umgang" mit dem Thema Sperrfristen liegt, wie er es als Frage in den Raum stellte?

Nun, es ist völlig richtig, wenn VdF-Geschäftsführer Johannes Klingsporn darauf verweist, dass zu den erfolgreichsten Dokumentationen der letzten Monate gerade auch jene zählten, die nur kurz im Kino waren und (mangels Förderung) keiner Sperrfrist unterlagen. Ebenso richtig ist aber auch, dass Kinodokumentationen im vergangenen Jahr ein Viertel ihrer Besucher in Auswertungswoche 14 (oder später) machten, wie Frank Völkert (FFA) bei der Vorstellung der Programmkinostudie hervorhob. Ein Wert, der im Sechs-Jahres-Vergleich übrigens noch nicht einmal ansatzweise der höchste war. Sie sehen: Gerade das Doku-Beispiel lässt sich in Diskussionen über neue Auswertungsstrategien als Argument in beide Richtungen verwenden.

Um sich an einem Fazit zu versuchen: Generell darf man sich wohl getrost SPIO-Präsident Alfred Holighaus anschließen, wenn dieser feststellt, dass es in jedem Fall zu kurz gegriffen wäre, sich mit Vorwürfen nur an einzelne Gruppen - seien es nun Produzenten, Verleiher, Sender oder Kinos - zu wenden. Etwas das aus seiner Sicht noch viel zu oft geschehe. Insofern sei ihm das Schlusswort überlassen: "Wir müssen viel mehr und viel intensiver gemeinsam darüber reden, welche Filme wir wollen und wer sie wo sehen will. Dieser Austausch findet momentan noch nicht in annähernd ausreichendem Maße statt." Ein Patentrezept ist diese Erkenntnis sicherlich nicht. Aber vielleicht der einzige Weg, es zu finden.

 

Von Marc Mensch

 

Quelle: Blickpunkt:Film, veröffentlicht am 04.10.2017

 

Der VDD bedankt sich herzlich bei Marc Mensch und Blickpunkt Film für die Zustimmung zur Veröffentlichung des Artikel "Auf der Suche nach dem Patentrezept" an dieser Stelle.