14. November 2018
 

Ein gewisses Maß an Magie. Über Selbstreferenzen des Drehbuchautors im Film

Autor: Jochen Brunow 

Ein Text von Jochen Brunow, basierend auf seinem Referat „Selbstbildnis im Doppelspiegel“, vorgetragen auf dem 33. Mannheimer Filmsymposium 2018.

VDD-Gründungs- und Ehrenmitglied Jochen Brunow widmet sich in seinem Referat der Darstellung des Drehbuchautors im Film unter anderem anhand der Filme SO LANGE DU DA BIST, THE LAST TYCOON, SUNSET BOULEVARD, LE MEPRIS, DIE GUNST DER STUNDE.

Den vollständigen Text finden Sie im Anhang – hier zunächst einige Auszüge als Appetizer:

„Was für unseren Kontext wichtig ist, hier taucht zum ersten Mal ein bestimmtes Motiv auf, das sich bis heute in einem gewissen Ausmaß gehalten hat: Das nicht Ernst­nehmen der Er­schaffung von Fiktion als harte Arbeit und als anstrengender Broterwerb. Fiktion, Narration wird für etwas Luftiges, Phantastisches gehalten, was den Autoren einfach so zufliegt, es erscheint aus sich selbst heraus und wird nicht mühevoll geschaffen. In einem Bild zeigt Stiller wie sein Drehbuchautor mit Stift und Notizbuch hantierend in einem aufblasbaren Sessel mitten in einem Swimmingpool paddeld. Lachend winkt er fröhlich in die Kame­ra. Schreiben, ein Spaß. Noch heute glaubt mancher Fernsehredakteur versteckt im tiefen Grunde seines Herzens, so einfach sei das Drehbuch­schreiben im Gegensatz zur harten Arbeit am Set. (…)

Auch in der Konstruktion von SOLANGE DU DA BIST fällt auf, wie der Rückgriff auf "das reale Leben" die fiktive Erzählung legitimieren soll, ihr die Aura des Authenti­schen verleihen soll. Und wenn man sich an dieser Nahtstelle bewegt, dann wird die Notwendigkeit der Existenz des Autors deutlich. Es ist der Autor, der für diesen ersten Übergang vom Leben in Ge­stal­te­tes, in Erzähltes verantwortlich ist. Wie bei jeder Grenzüberschreitung oder Meta­morphose ist bei dem Übergang von Leben in Fiktion, in eine Erzählung, ein gewisses Maß an Magie mit im Spiel.

Der bekannte Schauspieler Burghart Klaußner hat vor kurzem einen Roman veröffentlicht. In einem Interview zum Unterschied zwischen der Theater- und Filmarbeit und dem Schreiben befragt, hat er aus seiner Sicht diese Grenze, diese Beson­derheit beschrieben. Er sagte, die Schauspielerei oder das Regieführen seien immer durch Anlässe gekennzeichnet, diese Anlässe, das seien Stücke, Drehbücher oder Improvisa­tions­­­themen. Das Schreiben dagegen, das Schreiben sei vollkommen autark. Und Autarkie sei für ihn seit jeher das höchste Gut gewesen im Leben.

Mein Lieblingsautor James Salter hat in seiner Biographie „Verbrannte Tage“ ähnliches geschrieben.  Er schreibt sinngemäß: Wer im Filmbetrieb tätig ist, weiß es im Grunde genommen. Wenn die Leute  nicht total blöde sind, wenn sie die Bedingungen ihrer Arbeit kennen, wissen sie es. Einer der Mächtig­sten früher in Hollywood, der Produzent Irvin Thalberg sag­te: „Without question: The most important people in the business are the writers, but never ever let them know.“

Die Bedeutung des Autors im Prozess der Filmherstellung wurde möglicherweise aus eben dem Grund gering gehalten, damit dieser heikle Übergang von Realität zur Illusion nicht deut­lich wird, der Umgang mit ihm nicht thematisiert und hinterfragt wird. Die Metamor­phose von gelebtem Leben - in Erzählung vom Leben ist eben nicht so einfach und geschieht nicht so leichthin, wie Filme es vermuten lassen, oder es dem Zuschauer erscheinen soll. Dem Vorgang wohnt auch ein gewisses magi­sches Moment inne. Die Erzählung ist nicht zu haben ohne einen Erzähler. Was die Sache zum einen zu einer intimen macht. Zum anderen steht er Autor an einer Stelle, an der Wirklichkeit in eine Form gebracht wird, die sie der industriellen Verwer­tung handhabbar macht. Darin liegt seine besondere Gefährdung und seine beson­dere Verant­wortung.

Und ich wage zum Schluss eine steile These: alle am Prozess der Filmherstellung Beteiligten wissen genau um diese Schnittstelle oder spüren unbewusst ihre so wichtige, herausragende Bedeu­tung als Über­gang von Realität in Fiktion, von Welt in Narration. Sie wollen diese Bedeutung aber nicht zugeben, sie wollen sie verschleiern, verwischen oder auslöschen aus verschiedenen Gründen. Einerseits um das fertige Filmwerk als so real lebensnah wie mög­lich erscheinen zu lassen, um die Immersion des Publikums nicht zu stören. Der Zuschauer soll eintauchen in den Film und seine Gemachtheit, seine Konstruiertheit zumindest für die Dauer seiner Vor­führung vergessen. Dafür spricht die Darstellung des Schreibens der Dreh­bücher als etwas Leichtes, als ein Übergang von Leben in Fiktion als eine niedrige, möglichst nicht wahrgenommene Schwelle in den Filmen über Autoren. "Audiences don´t know anyone writes a picture. They think the actors make it up as they go along." Heißt es in Sunset Boulevard, geschrieben von Billy Wilder und Charles Brackett. „Audiences should not think about anyone writing a picture. They are made not to think about it.“ Würde ich erweitert sagen. Es ist eine Strategie, die Zuschauer zu dieser von William Holden beschriebenen Haltung zu bringen.

Andererseits ist da der geistige Schöpfungsprozess, der kreative Akt aus dem Nichts etwas zu schaffen, die große Autarkie von der Klaußner ge­sprochen hat. Unbewusst spüren sie alle. Und deshalb wollen sie diese Schnittstelle möglichst selbst besetzen. Die Produzenten und die Redakteure, die sich in das Development einmischen, die sich unbedingt als Krea­tive verstehen wollen. Und eben nicht nur als Hebammen, wie eine tolle Produzentin einmal ihr Selbstverständnis definiert hat. Und dann sind da die Regisseure, die nicht wahrhaben wollen, dass ihre großartige inszenato­ri­sche Arbeit eben einen „Anlass“ braucht, wie es Klaußner nennt, einen Anlass, den mög­licher­weise andere geschaffen haben. Sie wollen diesen Anlass ungern den Autoren überlassen, sondern greifen mit ihren sogenannten Regiefassungen lieber in das zu Erzählende ein, denn um den Stoff inszenieren zu können, müssen sie ihn sich ja „aneignen“, wie es in den Besprechungen so schön heißt.  Man könnte vielleicht sogar soweit gehen und sagen, die Magie, die im Schöpfungsakt einer Geschichte liegt, schürt Neid.“

Den vollständigen Text finden Sie im Anhang.