20. November 2018
 

Weniger Verbote. Mehr Mut für starke Geschichten. VDD zu Gast auf der Jahrestagung Suchtprävention.

Autor: Uwe Petzold 

Bei der Jahrestagung der Drogenbeauftragten „Stadt – Land – Sucht“ am 07. November 2018 ging es um das Thema "Sucht in unserer Gesellschaft".  Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschäftigten sich gemäß des offiziellen Textes des Bundesgesundheitsministeriums „mit den Auswirkungen von Sucht, z. B. mit den gesundheitlichen und ökonomischen Folgen, aber auch mit dem Einfluss auf unser Zusammenleben. Dabei wurde auch diskutiert, wie es gelingen kann, dem Thema Sucht einen höheren Stellenwert zu verleihen. Die Verantwortung für Suchtprävention und Unterstützung für Betroffene sollte nicht auf bestimmte Fachkreise beschränkt bleiben. Gefragt waren Impulse und Ansätze, um mehr Akteurinnen und Akteure für eine aktive Mitwirkung zu gewinnen.“ Hierzu zählten auch die Medien.

Für den VDD folgte VDD-Vorstand Uwe Petzold der Einladung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung Marlene Mortler, MdB, und diskutierte beim Workshop „Medien“ unter der Moderation von Gaby Kirschbaum, Referatsleiterin Sucht und Drogen beim Bundesgesundheitsministerium, mit Prof. Dr. Kim Otto, Professor für Wirtschaftsjournalismus an der Universität Würzburg ( ARD-Politmagazin MONITOR),  Prof. Dr. Reiner Hanewinkel, Leiter des Institutes für Therapie und Gesundheitsforschung, IFN-Nord, und Bettina Josmann, Produzentin south&browse GmbH.

Im Folgenden lesen Sie einen Beitrag von VDD-Vorstand Uwe Petzold, seine Kritik am gängigen medialen Präventionsansatz und seine Forderung, bei diesem Thema origineller zu erzählen:

Etwa 10% der Erwachsenen in Deutschland sind suchtgefährdet oder suchtkrank.

 „Welche Verantwortung tragen Medien“, war Thema des Workshops am 7.11.2018 anlässlich der Jahrestagung Drogenprävention, zu der ich aufs Panel geben wurde – und mich (und uns als Kreative) sofort heftigen Vorwürfen ausgesetzt sah: Alkohol ist im Fernsehprogramm die am häufigsten gezeigte Droge. So ist der Konsum alkoholischer Getränke in fiktionalen Formaten bedenklich - in nahezu jedem Film (95,8%), in Serien (61,2%), in Dailysoaps (45,8%) wird Alkohol getrunken, das ergaben statistisch fundierte Langzeitbeobachtungen an der Universität Würzburg. Was ist los mit den Drehbuchautoren, fragten mich Therapeuten, Suchtforscher, ehrenamtliche Helfer und Betroffene. - Doch Drehbuchautoren propagieren weder sinnlosen Alkoholgenuss, noch wollen sie Suchtgefahren bagatellisieren – Drehbuchautoren beschönigen Realitäten nicht, sie spiegeln sie wider.

Foto von l.n.r.: Bettina Josmann, Produzentin; Prof. Dr. Kim Otto; Gaby Kirschbaum, Referatsleiterin BMfG; Uwe Petzold, VDD; Prof. Dr. Reiner Hanewinkel

Was passiert, wenn wir die bedenklichen Trinkgewohnheiten in Deutschland nicht widerspiegeln?, stellte ich die Gegenfrage.  Ändern sich die Trinkverhalten von allein? – Auch die „Medienbasher“ folgten mir insoweit, dass bedenkliche Realitäten durch fiktionale Werke nicht ausgeblendet werden dürfen.

Vielleicht sollte man stärker Problematisieren, offensiver damit umgehen, Geschichten finden, die ein „gemeinschaftliches Ignorieren“ der Suchtproblematik in unserer Gesellschaft verhindern.

Was Medien in dieser Hinsicht gestalten und erzählen können, war dann leider nicht Thema der Diskussion, schnell ging es wieder um Verbote und Beschränkungen.

Natürlich ist auch Jugendschutz ein wichtiges Thema. Dass es da Restriktionen geben muss, ist klar, denn beiläufiger Genuss von Suchtmitteln sollte jungen Menschen in fiktionalen Geschichten nicht unkommentiert vorgelebt werden.

Doch generelle Verbote oder pauschale Einschränkungen bringen nichts! Denn sie behindern eine aktive Prävention und Aufklärung. Prävention ist wirksam vor allem subtil und nicht mit erhobenem Zeigefinger.

Da können auch wir Drehbuchautoren mutiger und offensiver werden. Wir können Klischees aufbrechen und neue Wege finden, denn es gibt sie, die originellen, starken Geschichten: Die Menschenwürde Suchtkranker steht im Spannungsfeld zur Sucht selbst und zu denen, die darunter leiden. Diese Krankheit ist von immenser Zerstörungskraft: Freundschaften, Familien, ganze Betriebe fallen ihr zum Opfer.

Wir finden sie, die Geschichten, die nicht belehren, die tief in die Seelen der Betroffenen schauen. Geschichten, die Abgründe aufzeigen - und Wege aus dem Abgrund erkennen. – Aber wir erwarten dann auch mehr Mut und Engagement der Programm-Entscheider in den Sendern.

Denn ein JA zu einem Mehr an solchen Geschichten ist notwendig, das bewies im November 2018 die Jahrestagung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung.

Uwe Petzold

 

Die gesellschaftliche Wirkung von Fiktion sowie umgekehrt die realistische Darstellung unserer gesellschaftlichen und individuellen Lebenswirklichkeit sind inhaltliche Themenfelder, denen sich der VDD regelmäßig stellt.

Hierzu gehörten und gehören u. a. Veranstaltungen und Kooperationen z. B. für den Bereich der Wissenschaft mit der Organisation MINTiFF, für den Bereich kirchlicher Berufsfelder mit der Evangelischen Kirche in Deutschland, zur Darstellung seelischer Erkrankungen mit dem Projekt Aktionsbündnis Seelische Gesundheit sowie zur Darstellung von Berufsbildern und Lebensentwürfen im Handwerk mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks.