29. März 2019
 

SCENARIOdigital - LESEZEICHEN. Ausgabe 3 der Kolumne von Jochen Brunow

Autor: Jochen Brunow 

„Lesezeichen“ so hieß eine der in jeder Ausgabe wiederkehrenden Rubriken in dem zwischen 2007 und 2016 in Buchform erschienenen Film- und Dreh­buch-Almanach Scenario. VDD-Gründungs und-Ehrenmitglied Jochen Brunow hat die Rubrik in Form einer Kolumne im VDD Journal wieder aufgenommen. Wir veröffentlichen hier die dritte Ausgabe.

 

LESEZEICHEN 3

von Jochen Brunow

Dieses Lesezeichen erscheint in digitalisierter Form. Das ist gewollt und auch okay so. Wir leben in einer „hybriden Leseumgebung“, habe ich gerade gelernt. Wir lesen auch längere Texte eben nicht mehr nur in Form von Büchern, sondern auch auf den verschiedensten Bild­schir­men und mobilen Screens. Macht es nun aber einen Unterschied, ob wir ein Buch analog lesen oder auf einem Computer oder einem e-reader?  Für mich persönlich schon.

Wenn ich ein Drehbuch analysieren und besprechen soll, mich gründlich damit befassen muss, dann drucke ich es immer noch aus. Ich tue das mit einem gewissen Ausmaß an schlech­tem Ge­wissen und denke durchaus an die Bäume in den Wäldern Skandinaviens, die der Papier­pro­duk­tion zum Opfer fallen. Aber für eine bestimmte Form der Konzentration und Durch­drin­gung des Gelesenen brauche ich das gedruckte Wort. Nun haben mich die Forschungsergeb­nisse  von 130  Leseforschern aus ganz Europa mit ihrer Starvanger Erklärung zur Zukunft des Lesens in Zeiten der hybriden Leseumgebung in dieser Haltung bestätigt.

„Leser neigen beim Lesen digitaler Texte eher zu übersteigertem Vertrauen in ihre Verständlich­keiten als beim Lesen gedruckter Texte, vor allem wenn sie unter Druck stehen, was wiederum zum Überfliegen und zu geringerer Konzentration auf den Inhalt des Gelesenen führt.“ So heißt es in einem der Abschnitte ihrer Erklärung.

Wie oft haben wir gehört, dass von Zeitnot geplagte Produzenten und Redakteure  unsere Drehbücher auf dem Flug zur Besprechung im ICE oder im Flugzeug auf dem Laptop oder Tablett gelesen haben?  Haben wir endlich einen Grund gefunden, warum wir uns so oft von ihnen völlig missverstanden fühlten?

Die Lesezeichen haben sich nie nur auf Buchtexte beschränken wollen. Und so stehen am Anfang dieses Lesezeichens die Links zu drei digitalen Texten über die Starvanger Erklärung der europäischen Leseforscher.

https://www.forschung-und-lehre.de/zeitfragen/laengere-texte-auf-papier-besser-verstaendlich-1435/

 

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/wie-die-stavanger-erklaerung-zur-zukunft-des-lesens-zu-lesen-ist-16000791.html

 

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/stavanger-erklaerung-von-e-read-zur-zukunft-des-lesens-16000793.html

 

Dunkle Haare, ein Mann mit einer etwas düsteren Ausstrahlung, die schweren buschigen Augenbrauen gestutzt, das ist Alfred Hayes wie man dem Foto auf der Innenseite des Um­schlags von „Alles für ein bisschen Ruhm“ sehen kann. Berühmtheit erlangte Alfred Hayes für sein Gedicht über den Hobo, Musiker und ermorde­ten Helden der amerikanischen Ge­werkschafts­bewegung „Joe Hill“.  Das Ge­dicht wurde vertont, von unzähligen Liedermachern auf Konzerten und Demonstra­tionen gesungen, unvergessen die Ver­sion von Joan Baez in Woodstock.

Alfred Hayes war Reporter, Romancier, Drehbuchautor, Brite, geboren 1911 in London. Studierte später in New York am City College, blieb nach dem Einsatz im zweiten Weltkrieg in Europa, wo er in Rom für die Regisseure des italienischen Neorealismus Rosselini und de Sicca arbeitete. Später in L.A. schrieb er Anfang der 50er Jahre unter anderem die Drehbücher zu „The Lusty Men“ für Nicholas Ray und „Clash by Night“ für Fritz Lang. In dieser Zeit schrieb er auch an dem Roman „Alles für ein bisschen Ruhm“. Die bittere, mitleidlose Abrechnung mit der Filmwelt Hollywoods erschien vor zwei Jahren auf Deutsch im Verlag Nagel&Kimche.  Das ist ein verdienstvoller Schweizer Kleinverlag der seit 2018 im Hause Hanser unterge­kom­men ist, aber weiter eigenständig publiziert (u. a. William S. Burroughs und Andrea Camilleri mit seinem wunderbaren sizilianischen Commissario Montalban).

Der Ich-Erzähler des Romans ist Drehbuchschreiber wie der Autor selbst. Er lebt mit Frau und Kind glücklich an der Ost­küste in New York und kommt nur einige Wochen im Jahr an die Westküste nach L.A., um als Script-Lieferant gutes Geld, „viel gutes Geld“ wie er betont, zu verdienen. Er fühlt sich der dortigen Branche nicht wirklich zugehörig, denkt aber trotzdem, er schaue nicht auf sie herab. Auf einer Feier in einem Haus in Malibu wird er auf der Terras­se zufällig  Zeuge wie eins der üblichen Partygirls am Strand mit einem Martini in der Hand in den Ozean geht. Eine Welle ergreift sie und der Autor rettet sie vor dem Ertrinken.

Auch wenn er die schöne, junge Frau am Anfang nicht wirklich attraktiv findet, verbindet sie diese Aktion und er beginnt halbherzig eine Beziehung mit ihr.  Sie träumt von einer Karriere als Filmstar, scheitert aber immer wieder beim Vorsprechen. Der Autor wird immer tiefer in ihr Leben hineingezogen und als seine Ehefrau aus New York ihr Kommen avisiert, spitzt sich die negative Energie der Beziehung dramatisch zu. Der Autor wird mit der Erkenntnis konfron­tiert, er ist auch nicht besser als all die anderen verlogenen Leute in Hollywood. Die kurzen, manchmal nur eine knappe Seite umfassenden Kapitel des 140 seitigen Buches lesen sich schnell und süffig weg.  Und doch ziehen sie den Leser - gerade wenn er auch selbst in dem be­schriebenen Milieu tätig ist - in eine komplexe und tiefgreifende Lebensabrech­nung.

„Ich hatte gedacht, es spiele keine Rolle, wo ich arbeitete oder womit ich mein Geld ver­diente, sehr viel Geld. Und so hatte es geendet. Ich hatte Kummer und Einsamkeit und Selbstzweifel vermeiden wollen. Ich hatte etwas haben wollen, was nicht Aufrichtigkeit verlangte, sondern nur vorgeführte Könnerschaft, gespielte Aufrichtigkeit.“

„My face for the world to see“ heißt die amerikanische Originalfassung von „Alles für ein bisschen Ruhm“.

Auf jeder Premierenfeier, jedem Filmempfang, die sie besucht, sticht sie mit ihrer großen schmalen Gestalt, gekleidet in extravagante Modelle, gekrönt mit langen blonden Locken sofort aus der Menge heraus. Heike Melba-Fendel kennt man in der Branche als die äußerst umtriebige, attraktive Chefin der Veranstaltungs-, PR- und Künstleragentur Barbarella mit Sitz in Köln und Berlin. Nach Stu­dien­zeiten an Schauspielschulen in New York war sie eine Zeitlang als Journalistin unter­wegs, ehe sie ihre Agentur gründete.

Sie schreibt immer noch Essays, Stories, Artikel, mischt sich mit Schwung in filmpolitische Debatten ein. Eine ihrer zahl­reichen Initiativen war um die Jahr­hundert­wende herum eine Reihe von Lesungen von Dreh­büchern, deren Produktion von Sendern und Förderern abgelehnt  worden waren. Unter dem Titel NEUES AUS DEM GIFT­SCHRANK verfolgten plötzlich in allen Städten, die sich als Produktions­standorte für Film verstanden, jeden Monat 200 bis 300 Zu­hörer pro Veran­stal­tung in ausverkauften Sälen Lesungen von unverfilmten Drehbüchern durch mehrere Schau­spie­ler. Kontroverse Stoffe fanden so eine Öffentlichkeit und es gab lebhafte Diskussionen über die Gründe für die Nichtrealisierung dieser Bücher. Auch mein Buch „Ausgeliefert“ über den Fall des türkischen Ayslbewerbers Kemal Altun, der während seines Prozesses aus dem Gerichtssaal in den Freitod sprang, kam damals in Berlin in Clärchens Ballhaus  zur Auffüh­rung. 

Heike Melba-Fendel schreibt auch Romane. Ihr zweiter erschien schon 2017 im Verlag Blumenbar, der zum Aufbauverlag gehört.  Als ich damals in einer Rezension las, „Zehn Tage im Februar“ handele vom Leben einer Filmkritikerin während der Berlinale, war natürlich meine Neugier geweckt, aber ich habe es dann doch irgendwie versäumt, das Buch sofort zu lesen. Nun bekam ich es von einem Freund geschenkt.

Die Handlung beginnt damit, dass der Lebensgefährte der Filmkritikerin für die kommenden zehn Tage des Festivals aus der gemeinsamen Wohnung auszieht.  Aber dieser nur als „der Mann“ be­zeichnete Partner bleibt blass, kann in seiner Abwesenheit natürlich auch kaum  literarische Kontur gewinnen außer in seiner Beurteilung durch die Protagonistin. Die Liebes­geschichte erscheint mir daher ein wenig wie aufgesetzt. Es geht eher um die inneren Ge­fühls­stürme, die sich in der hin und her gerissenen Heldin abspielen. Da werden Sentenzen abgefeuert wie: „Ich lasse mich nicht verlassen.“ „Das Alter muss man abschaffen, bevor man anfängt, unter ihm zu leiden.“  Jede Form von oberflächlicher Sicherheit und Konti­nui­tät geht der Figur gegen den Strich, auf sie kann sie sich nicht verlassen. „Anders als offen­sicht­lichem Irrsinn oder eindeutiger Schwäche wohnt den guten Eigenschaften etwas Unbe­rechen­bares und Vorläufiges inne.“

Die Autorin sieht die Branche, in der sie selbst arbeitet und ihr Geld verdient, in diesem Ro­man kritisch und ihre eigene Rolle durch­aus mit Selbstironie. Die Berlinale und besonders ein nie mit dem Namen genannter Festival­direktor, der wiederum immer wieder die Namen seiner Gäste vergisst, bekommen ihr Fett weg. Die zehn Tage Empfänge, Small-Talk, Blitz­licht­gewitter, Promi-Zirkus, Presse­kon­fe­renzen und Jury Dinner, volle Kinosäle, obskure oder bekannte Filme und nächt­liche Ab­stür­ze an Hotel­bars sind bissig, leicht und locker beschrieben.

Unterbrochen werden sie von Rückblenden zu anderen Festivals wie Cannes, Edinburgh oder Hof, die das alter ego der Autorin in ihren früheren Jahren besuchte. Auch wenn das Buch Roman als Gat­tungs­bezeich­nung trägt, ist Vieles dieser Schilderungen nicht nur autobiographisch, sondern beinahe doku­men­ta­risch, gewinnt aber gerade daraus eine gewisse Würze. Die auf den Festivals gezeigten Filme werden allerdings nicht wirklich be­sprochen, sondern eher „aufgerufen“ und es ist gut, wenn der Leser sie kennt und auf eige­ne Seherfahrungen zurückgreifen kann.

Anders ist das nur mit den Filmen von Jane Campion, denn mit dieser Regisseurin und ihrem Werk verbindet die Kritikerin eine besondere Be­ziehung. Seit sie die Regisseurin in der Festi­val-Kantine in Edinburgh zufällig kennenlernt, einer ersten Begegnung mit ihren Kurzfilmen und einem langen Spaziergang, auf dem sie Gedanken zu Leben und Liebe austauschen, sieht die Kritikerin in der Regisseurin eine Schwester im Geiste und glaubt an eine spezielle Ver­bindung mit Campion. Seltsamerweise versucht sie auf professionellen Wegen bei offiziellen Interviewterminen eine Beziehung aufzubauen, was naturgemäß scheitern muss. Von Campions Filmen erwartet sie eine besondere  Darstellung der Frauen und auch da wird sie immer mal wieder enttäuscht, vor allem von der Serie „Top of  the Lake“. 

Die Begegnungen mit anderen Prominenten verkommen gelegentlich zum reinen name dropping, so dass der Leser sich die Leidenschaft für den Film, den die Autorin ganz offen­sicht­lich hegt und mit ihrer Protagonistin teilt, oft dazu denken muss. Es ist Lebenshilfe und Entscheidungshilfe in Liebesdingen, die die Kritikerin von Filmen erwartet, und diese werden ihr im Endeffekt nicht gewährt. In ihrer Verwirrung zieht sie am Ende aus der gemeinsamen Wohnung aus, ehe „der Mann“ nach dem Ende der Berlinale zurückkehren kann. 

Wer Drehbücher schreiben will, sollte Drehbücher lesen. Am besten gute Drehbücher natür­lich. Bücher die anspruchsvoll und erfolgreich zugleich sind. Es gibt dazu neben den inzwi­schen zahlreichen Internetangeboten eine neue Gelegenheit. Einen schweren Brocken. Über tausend Seiten mit 13 Drehbüchern, wobei eins nicht verfilmt wurde. Michael Haneke „Die Drehbücher“ heißt der Wälzer. Ein strenges asketisches Buch, so wie das klare Schwarz-Weiß-Foto des Meisters mit dem silbernen Bart auf dem Umschlag-Titel. Innen keine Bilder oder Stills aus den Filmen. Kein erklärendes Vor- oder Nachwort. Nur die Credits zu den einzelnen Filmen, nichts aber über ihre Uraufführung, Festivalteilnahmen und Preis­ver­gaben. 

Schlicht und ergreifend wie die Filme von Haneke, von denen ich nicht alle im gleichen Masse schätze. Ich greife mir „Liebe“ als erste Lektüre heraus und werde sofort in den Rhythmus des Drehbuchs hinein­gezogen. Soweit ich den Film erinnere, handelt es sich bei dem Text wirklich um das Dreh­buch und nicht ein nach dem fertigen Film hergestelltes Protokoll. Was auch nicht zu der asketischen Strenge des Buches passen würde.  Auch wenn der dicke Wälzer jetzt erstmal ins Bücherbord wandert, werde ich ihn sicher noch oft zur Hand nehmen.

Aus dem Bücherregal:

Alfred Hayes „Alles für ein bisschen Ruhm“ , Roman Nagel & Kimche,  Zürich 2016

Michael Haneke  „Die Drehbücher“,  Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2018

Heike Melba-Fendel „Zehn Tage im Februar“, Blumenbar,  Berlin 2017

Im Netz:

https://www.forschung-und-lehre.de/zeitfragen/laengere-texte-auf-papier-besser-verstaendlich-1435/

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/wie-die-stavanger-erklaerung-zur-zukunft-des-lesens-zu-lesen-ist-16000791.html

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/stavanger-erklaerung-von-e-read-zur-zukunft-des-lesens-16000793.html

 

Die Kolumne LESEZEICHEN erscheint regelmäßig im VDD Journal.

Jochen Brunow ist Gründungs- und Ehrenmitglied des VDD.