9. Dezember 2019
 

"TRUST THE WRITER." Die israelische Autorin Michal Aviram (FAUDA) war zu Gast beim JF International.

Am 4.12. hatten wir die große Freude, die israelische Drehbuchautorin Michal Aviram bei unserem Jour Fixe International zu begrüßen. Eine Gelegenheit zum kollegialen Austausch, die zahlreiche VDD-Mitglieder wahrgenommen haben.

Michals Serie "Fauda" macht zur Zeit international Furore und wird neben Millionen Netflix-Streamern auch von den Leibwächtern der Hamas-Führung geschaut. Die 3. Staffel steht kurz vor der Premiere.

Am Abend ging es zunächst allgemein um die politische Arbeit für AutorInnen und um Arbeitsbedingungen. In Israel arbeitet der Drehbuchverband mit sehr offensiven Mitteln, um sich insbesondere gegen Tendenzen zu wehren, die Medien unter Regierungskontrolle zu bringen. Beeindruckend war hierbei ein öffentlicher Hungerstreik aus dem Jahr 2015/16, über den 2018 auch auf der Weltkonferenz in Berlin berichtet wurde.

Die im Vergleich zu Deutschland sehr viel kleinere Branche in Israel verschafft den AutorInnen dort deutlich mehr Einfluss in der Stoffentwicklung. 99% der Stoffe werden von AutorInnen vorgeschlagen, den umgekehrten Weg in Form von Sender- oder Produktionsaufträgen gibt es dort laut Michal praktisch nicht. Immer wieder betont sie, dass in Israel – und insbesondere bei der Produktion von „Fauda“ – den AutorInnen volles Vertrauen in ihre Ideenfindung und erzählerische Kompetenz geschenkt wird. Sender und Produktion halten nach dem Motto „Trust the Writer“  ihren Einfluss zurück.  

Unser Auftrags-"system" kam Michal dann auch vor wie Geschichten von einem anderen Stern ... genau wie uns ihre Geschichten aus dem Writers‘ Room, dass ein Schuss in den Allerwertesten, wie ihn einer ihrer Co-Autoren während des Militärdienstes erlitt, dem Schreiben einer solchen Serie durchaus zuträglich ist und "der beste Weg ins Herz eines Mannes ist durch die vierte und fünfte Rippe".

Die Systemfrage richtete sich auch auf die Strukturen im Writers‘ Room von „Fauda“. Tatsächlich sieht Michal als Erfolgsfaktor der Serie die Abwesenheit eines festen Systems. Der Writers‘ Room sei vielmehr geprägt zum einen von der klaren Vision und den realen persönlichen Erfahrungen der Serienschöpfer Avi Issacharoff als Journalist, der Zugang zum für Israelis verschlossenen Ramallah und anderen Palästinensergebieten hat, sowie Hauptdarsteller und Co-Autor Lior Raz, der selbst in einer Eliteeinheit gedient hat – und zum anderen und zuvorderst von einer besonderen persönlichen und kreativen Atmosphäre, die sie mit „Fun Room“ umschreibt. Nachdem es in der zweiten Staffel Ansätze gab, mehr amerikanische Systematik in den Writer’s Room zu etablieren, hat man sich in der dritten Staffel wieder auf die israelische Variante zurückbesonnen: ohne System.

 

Auf den Bildern: Michal Aviram (Tischmitte rechts) und Mitglieder des VDD, Foto: VDD.

Interessant ist auch, dass trotz des Erfolgs der Serie als Lizenzankauf auf Netflix von dieser Seite keinerlei Einflussnahme stattfindet. Es ist und bleibt eine rein israelische Produktion.

Zur Frage, inwieweit Michal als Frau, als Autorin, eine besondere Rolle in diesem Projekt eingenommen hat, gibt es keine klare Antwort, aber eine klare Haltung: Sie glaubt nicht an Unterschiede im Schreiben von Männern und Frauen.

Für sie spielt aber jeweils ihre Lebenssituation durchaus eine Rolle, So war sie beim Entwickeln der ersten Staffel selbst junge Mutter – und tatsächlich sind private Rituale, die sie mit ihren Kindern pflegt, in die Serie eingegangen: als Rituale, die eine palästinensische Mutter mit ihren Kindern lebt – für sie ist dieser Transfer auch ihre Antwort darauf, ob die Serie zu sehr Partei für Israel ergreifen würde, was ihr von einigen Kritikern vorgeworfen wird.

Obwohl gerade auch amerikanische Networks verstärkt mit israelischen AutorInnen zusammenarbeiten, sieht Michal in Israel keinen Einfluss durch neue Player im Markt, der die ohnehin gute Ausgangssituation der AutorInnen in Israel auffällig verändern würde. Neu sei allerdings, dass die Sender in der Zusammenarbeit mit Nachwuchstalenten neue Wege gehen – weg vom Einzelprojekt hin zu einer längerfristigen Zusammenarbeit, in der mehrere Projektentwicklungen finanziert werden, die dabei nicht alle realisiert werden müssen.

Auf dem Bild: Michal Aviram (mitte) mit den GastgeberInnen vom VDD, Elisabeth Herrmann (r.) und Jan Herchenröder (l.), Foto: VDD

 ... dass es nach dem offiziellen Teil noch ein wenig weiterging, Visitenkarten ausgetauscht wurden und der angefangene Dialog im einen oder anderen Fall seine Fortsetzung finden wird, sagt uns für dieses Jahr: Mission accomplished.

Euer Interesse am JF International spornt uns an, und, fingers crossed, es gibt auch im nächsten Jahr einige Überraschungen ... 

Elisabeth Herrmann und Jan Herchenröder