31. Januar 2020
 

JF Diversität - Die Queer Media Society zu Gast beim Berliner Jour Fix des VDD

Am Mittwoch, 29.1.20, waren die Queer Media Society-NetzwerkerInnen Susann Reck, Kerstin Polte (VDD) und Kai S. Pieck zu Gast beim Berliner Jour Fix des VDD und stellten den interessierten und diskussionsfreudigen VDD-Mitgliedern die QMS und neue queere Perspektiven vor:

Was können AutorInnen dazu beitragen, die Qualität und die Qantität von queeren Charakteren und Geschichten in Drehbüchern zu erhöhen? Wie überwindet man die Angst (vor den Fettnäppfchen) beim Erzählen von Diversität? waren die Fragestellungen des Abends.

Die QMS ist aktuell ein bundesweites Netzwerk, das sich noch keine Rechtsform gegeben hat. Sie versteht sich als Dach, unter dem sich alle Ausprägungen der Queerness versammeln können, anti-dogmatisch, weltoffen, anti-patriarchalisch und mit dem Ziel, langfristig queere Inhalte, Menschen und Figuren als Selbstverständlichkeit in den unterschiedlichen Mediengattungen wie u. a. Literatur, Journalismus, Games und Film/TV zu verankern - realitätsnah, jenseits der gängigen Stereotype und klischeehaften Erzählmuster. Für queere Identitäten fehlen auch speziell in der Fiktion positive Vorbilder, an denen sich LSBTTIQs orientieren können. Ein Zustand, der sich ändern soll.

Der queere Blick als Begriff kann unterschiedlich interpretiert werden – in jedem Fall geht es nicht um enge Festlegungen, sondern eher um Räume, in denen das Menschsein, die eigene Identität, neu und anders gedacht werden können. Festlegungen sind schon deshalb für die QMS schwierig, da unter ihrem Dach jeweils auch unterschiedliche Interessen von Schwulen, Lesben, Transsexuellen, Transgender etc. ihren Raum finden sollen.

auf dem Bild v. l.n. r. QMS-NetzwerkerInnen: Susann Reck, Kai S. Pieck, Kerstin Polte, Foto: VDD

In der Diskussion ging es um die Frage, welche Hindernisse aus dem Weg geräumt werden müssen, damit sich  Film- und Seriemproduktionen stärker und nachhaltig für queeres Erzählen öffnen. Warum können schwule Männer nicht oder nur sehr selten die Bösen sein, warum müssen lesbische Frauen Klischees erfüllen und männlich typisiert sein, z. B.indem sie alles reparieren können? In dieser Hinsicht gab es unter den VDD-Mitgliedern sehr unterschiedliche Erfahrungen besonders in Mainstream-Produktionen von ARD und ZDF.

Während es im ZDF-„Traumschiff“, das seit 1981 in See sticht, erst 2019 einen verhuschten ersten schwulen Kuss gab, lassen sich in den ARD-Sonntagabend-Formaten sehr viel leichter und auch selbstverständlicher homosexuelle Figuren erzählen.

Allgemein, waren sich alle einig, geht es um Selbstverständlichkeit und Beiläufigkeit, die es für queere Themen und für Diversität insgesamt zu etablieren gilt, d. h. queere Figuren erzählen, ohne sie dramaturgisch begründen zu müssen. Insgesamt müsse sich dafür auch die Art des Erzählens insgesamt ändern. Gelungene queere Inhalte finden sich wenig überraschend in den Produktionen der Streaming-Anbieter.

Tatsächlich wurde aber als eins der größten Hindernisse aus Sicht der AutorInnen die eigene Schere im Kopf erkannt.

Entsprechend gab es auch ein Plädoyer dafür, die eigenen Geschichten zu überprüfen, inwieweit Figuren nicht auch selbstverständlich homosexuell, transsexuell etc. sein könnten. Nicht zuletzt gilt der Grundsatz, wenn man queere Inhalte durchsetzen will, dann müssen die AutorInnen sie in eine starke Geschichte einbetten. Am Ende zählt die Geschichte.

Für AutorInnen kann die QMS übrigens bei der Ausgestaltung ihrer Geschichten und queeren Figuren direkt beratend zu Seite stehen – mit Hinweisen für die Recherche und auch der Beratung von Drehbuchentwicklungen unter dem Aspekt queeres Storytelling QueerLab (dazu an anderer Stelle mehr).

Die QMS sammelt aktuell noch Informationen über die Gesamtsituation, was die Repräsentanz queerer Themen in den Medien, aber auch die Beschäftigung von LSBTTIQs im Medienbereich betrifft.

Angesichts der sehr geringen Anzahl von nur 0,2% Geschichten mit Bezug zu queeren Inhalten, prüft die QMS aktuell,  ob  eine Quotenforderung von jährlich 7 % bzgl. Sichtbarkeit und ggf. auch Beschäftigung in deutschen Produktionen zielführend sein kann.

Dass Quotenforderungen politische Prozesse auslösen können, hatte sich zuletzt bei der Gründung von ProQuote Regie, jetzt ProQuote Film, gezeigt.

Eine Quotierung von Inhalten dürfe dabei nicht gegen das Gebot der künstlerischen Freiheit bei der Ausgestaltung der einzelnen Geschichte ausgespielt werden – mit Blick auf Beschäftigungsquoten zeichnen sich daten- und persönlichkeitsschutzrechtliche Probleme ab, da hierfür die Offenlegung der persönlichen sexuellen Orientierung notwendig wäre.

Wir sind gespannt, welche politischen Forderungen die QMS am Ende aufstellen wird. Erste Ideen für mögliche Kooperationen wurden bereits ausgetauscht.

Herzlichen Dank an Susann, Kerstin und Kai für den sehr informativen und für alle Beteiligten anregenden Abend.

Weiter Infos zur QMS unter https://www.queermediasociety.org/

oder im VDD-Podcast Stichwort Drehbuch: https://drehbuchautoren.de/podcast/2019-12-05/queer-media-society

 

Jan Herchenröder

VDD Geschäftsführung