11. Juni 2020
 

SCENARIOdigital - LESEZEICHEN. Ausgabe 8 der Kolumne von Jochen Brunow

Autor: Jochen Brunow 

„Lesezeichen“ so hieß eine der in jeder Ausgabe wiederkehrenden Rubriken in dem zwischen 2007 und 2016 in Buchform erschienenen Film- und Dreh­buch-Almanach Scenario. VDD-Gründungs und-Ehrenmitglied Jochen Brunow hat die Rubrik in Form einer Kolumne im VDD Journal wieder aufgenommen. Wir veröffentlichen hier die achte Ausgabe.

In der aktuellen Ausgabe des Lesezeichens für SCENARIOdigital wägt Jochen Brunow ab, inwieweit Serien oder Bücher die Corona-Isolation erträglicher machen, welche Rolle der Atem für unsere physische Identität und unser gegenseitiges Erkennen spielt - und was ein chinesischer Krimiautor zum Vertsändis des Corona-Ausbruchs in Wuhan beitragen kann.

Dieser Text entstand in der Hochphase des Lockdowns und erfährt seine Veröffentlichung - aufgrund der corona-bedingten Auslastung der Verbandsressourcen - zu Zeiten erster Lockerungen, die auch Zeiten sind, das Unmittelbare und das Beklemmende der Pandemie-Erlebnisse aufgrund des zeitlichen - wie könnte es anders sein - Abstands bereits in das Mittelbare analytischer Betrachtungen zu überführen. Die nachfolgenden Gedanken legen nochmal eine Spur zurück zur unmittelbaren Erfahrung des Lockdowns - und zu den Gedanken, die dabei ausgelöst wurden.

Vielen Dank an Jochen Brunow für die erneute Geduld bzgl. der Veröffentlichung des LESEZEICHENS!

Jan Herchenröder

Geschäftsführung VDD

 

LESEZEICHEN 8 (geschrieben in der dritten Woche der Ausgangssperre)

 

In Zeiten wie diesen wird viel auf die zahlreichen Möglichkeiten des Streamens und des Filme- und Serienschauens hingewiesen. Für uns Drehbuchautoren die Chance sich wieder einen Überblick zu schaffen? Die Anzahl der Angebote war kurz vorher beinahe exponentiell gewachsen wie später die Zahlen der Infektionen. Es schien unmöglich, alle diese Angebote wahrzunehmen und den Überblick zu behalten, was da alles auf dem Markt war und durch die Kanäle rauschte. Die dem Einzelnen ver­füg­bare freie Zeit reichte einfach nicht aus. In diesem Überangebot schafften es nur einzelne Werke, sich als unbe­dingt sehenswert durch­zusetzen und trotzdem fand man oft niemanden, der gerade das gesehen hatte, was man selbst konsumiert hatte und gerne besprechen wollte - wenn es nicht gerade „Berlin Babylon“ oder „Game of Thrones“ war. Bis vor kurzem schien es noch unmöglich, alles zu sehen, nun sollte es möglich sein, sich wieder intensiver einzuklinken in den großen Strom.

 

Die dritte Staffel von „True Detective“ auf DVD nachzuholen war noch eine sehr schöne Er­fahrung, aber sehr viel weiter reichte mein Enthusiasmus leider nicht. Die durch eine völlig unglaubwürdige Liebesgeschichte aufgepimpte Siegfried Lenz Ver­filmung „Der Überläufer“ in der ARD Mediathek nahm mir dann die Hoffnung auf, ich nenne es mal „anregende Unterhaltung“. Das Aben­teuer des Lesens erwies sich in der Situation der Isolation für mich persönlich als erfrischen­der, er­giebiger, als be­rühren­der und emotional befriedigender. Dazu brauchte es nicht erst die Anstiftung von Michael Hagner mit seinem tollen Werk „Die Lust am Buch“.

 

In seiner Liebes­erklä­rung an das Buch prallen Kurzessays, Lesebilder, Lustschilder und Warn­schilder, Buchgeschichten und Anekdoten aufeinander. Es geht dabei nicht um das Lesen, sondern um das Buch als haptischen Träger des Textes, wie er gleich zu Anfang klar macht. Und es geht ums Schreiben. So klingt es, wenn Hagener über das Musikhören während des Schreibens nachdenkt:
„Claude Lévi-Strauss hat seine Bücher geschrieben, während er Opern hörte. Ich stelle mir vor, er brauchte Musik fast so sehr wie Sauerstoff, Wärme und Licht. Wie aber kam er damit zurecht, dass die Stimme zu unerwünschten Interferenzen führen kann? Bei mir gilt: kein Gesang, und die Musik darf nicht von vorne kommen, schon gar nicht aus dem Gerät, an dem ich schreibe. Am besten kommt sie von der Seite oder von schräg hinten. Wie ein Wind.“

 

Es werden in diesen Zeiten der Isolation auch an vielen Stellen im Netz nun auch Bücher empfohlen und auf das Lesen als Beschäftigung verwiesen. Dazu gehört es auch Bücher, die man früher gelesen hat, wieder aus dem Regal zu holen und noch einmal in die Hand zu nehmen, sie durchzublättern oder auch von vorne bis hinten noch einmal zu lesen. So erging es mir mit „Die Wurzeln des Lebens“ von Richard Powers.

 

Als ich zum ersten Mal bei meinem täglichen Spaziergang nach all dem Hickhack um den Sinn vom Tragen von Atemmasken eine solche – von einer Nachbarschafts­schnei­derei ge­baute - vor Mund und Nase ausprobierte, beschlug nicht nur meine Sonnenbrille, sondern es kam mir auch zu Bewusstsein, dass ich im Grunde immer wieder und wieder einen Großteil meines eigenen Atems einatmete. Diese Erfahrung und all die Erläuterungen der Virologen über die Übertragbarkeit des Virus machten mir mit einem Mal klar, in welchem Ausmaß wir uns alle in einem gemeinsamen Äther bewegen, einem Ambiente, das wir unmittelbar teilen, dem wir uns durch unseren Atem mitteilen. Uns alle umhüllt ein Luftraum, in den wir vieles von unserer physischen Persönlichkeit abgeben. Unsere Identität reicht also viel weiter als die äußere Hülle unserer Körper. Ich war er­staunt, wie wenig über diesen zwischen­mensch­lichen Prozess bisher geforscht wurde oder zumindest allgemein bekannt war. Ich wusste, dass auf psychologischem Gebiet daran gear­beitet wurde und man gerade herausgefunden hatte, in nur 17 Millisekunden weiß man, ob man ein Gegenüber, dem man zu ersten Mal begegnet, mag oder nicht, es sympathisch findet oder nicht. Aber der physikalische Aspekt, der außer dem Akt des Sehens diesem „Erkennen des Gegenübers“ möglicherweise zu Grunde liegt, erschien mir bisher nicht wirk­lich untersucht. Und dann fiel mir das Buch über das Leben der Bäume von Richard Powers wieder ein. Der Autor ist in seinen Romanen stets dem Wissen der Welt auf der Spur. In „Die Wurzeln des Lebens“ präsentiert er erstaun­liche botanische Fakten darüber, wie Bäume in einem gesunden Wald untereinander kommunizieren. Wie sie durch Wurzelsysteme und Blattsysteme in feinstofflicher Weise miteinander in komplexer Verbindung stehen. Wie sie in die umgebende Luft Stoffe absondern, durch ihre Blätter aufnehmen und auf diese Weise sogar einander in gewisser Weise „helfen“, indem sie ihr eigenes Wachstum auf die erhal­te­nen Reize einstellen.

 

Auf der Suche nach den Stellen im Buch, an denen Powers diese wissenschaftlichen Erkenntnisse präsentiert, blieb ich immer wieder hängen und begann Passagen zu lesen, bis ich mich entschied, mir das Buch mit seinen über 600 Seiten noch einmal als Ganzes vorzunehmen. Es lohnt sich, auch wenn ich mich er­innerte, nach der ersten Lektüre nicht nur in Euphorie über das Erfahrene verfallen zu sein, sondern auch in eine gewisse Melancholie über das Ausmaß der Zer­stö­rung der Natur, das einem als Leser klar wird. Wer das Buch gelesen hat, wird Bäume anders betrach­ten, als zuvor, unter anderem, weil er sehr viel mehr über sie weiß. Das letzte Kapitel heißt „Dennoch“ und der letzte Satz, „Das hier wird niemals enden.“

 

Der Gedanke, der sich bei mir hinter der Atemmaske formierte, lautete, was über Distanzen hinweg zwischen den Bäumen geschieht, läuft zwischen uns Menschen möglicherweise auch, nur dass wir es nicht wissen und nicht (mehr) zu unserer gegen­seitigen Hilfe nutzen. Die Natur und die Bäume erholen sich jetzt möglicher­weise gerade etwas während des mensch­lichen Shutdowns. Nüt­zen wird das allerdings nur etwas, wenn wir nach dem Ende der Krise nicht weiter­machen wie bisher, sondern begrei­fen, dass wir alle mitein­an­der eingebunden sind in einem lebendigen Prozess des Austausches und Teil sind der Natur.

 

Die Pandemie und ihr Ausbruch in Wuhan hat unseren Blick noch einmal verstärkt auf China gelenkt, das durch seine wirtschaftliche Eroberungspolitik schon das Klischee von der Gelben Gefahr wiederbelebt hatte. Zu Verständnis der aktuellen Lage in China trägt mal wieder die von mir schon einmal in einem Lesezeichen er­wähn­te Kulturzeitschrift Lettre Entscheidendes bei. In ihrer aktuellen Ausgabe ist ein Artikel mit dem Bericht eines chinesischen Rechtsgelehrten erschienen, der an der Universität Peking gelehrt hat und sich im Stil eines alten kaiserlichen Beamten mit der politischen Verantwortung des Kommunistischen Einparteiensystems für den Ausbruch der Corona-Krise befasst. Es ist nach Xu Zhangrun vor allem zu der Schwere des Ausbruchs gekommen, weil jedes individuelle und inoffizielle Mitwirken aus der Bevölkerung unterbunden wurde und wird und nur Informationen aus den Parteikanälen zugelassen sind. Der folgende link führt zu einer gekürzten, gut les­baren Zusammenfassung des Artikels.

https://www.lettre.de/beitrag/xu-zhangrun_die-wut-wird-stärker

Die Zeitschrift ist nicht vollständig im Netz erhältlich, aber an allen größeren Kiosken.

 

Xu Zhangrun muss sich Sorgen um sein Leben machen. Er schreibt am Schluss seines Artikels, dies sei möglicherweise sein letzter Text. Er ist seit dem Erscheinen seiner Analyse verschwunden. Wahrscheinlich befindet er sich im Shuanggui. So nennen die Chinesen den Zustand im Niemandsland, wenn eine Person sich im Gewahrsam der Partei­organe befindet, weder Angehörige oder die Öffentlichkeit, noch Polizei oder Gerichtsbarkeit Kenntnisse über ihren Verbleib haben und das Schicksal des Betreffenden in den Händen des Inland-Sicherheits­dienstes und der Parteikader liegt.

 

Den Begriff des Shuanggui und die Kenntnis darüber, was er bedeutet, verdanke ich den politisch aufschlussreichen Krimis von Qui Xiaolong über den Oberinspektor Chen Cao von Sonderdezernat der Polizei in Shanghai. Der Autor wurde 1953 in Shanghai geboren und arbeitete in China zuerst als Übersetzer und Lyriker. 1988 reiste er mit einem Stipendium in die USA und kehrte nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens nicht in seine Heimat zurück. Er unterrichtet inzwischen an einer Universität in St. Louis chinesische Sprache und Literatur. Um die Jahr­hundertwende begann er mit dem Schreiben von Kriminalromanen, die äußerst erfolgreich waren und in sehr viele Sprachen übersetzt wurden. Äußerst kenntnis­reich webt Qui Xiaolong seine Fälle in die aktuelle Lage in China ein. Es geht ihm letzten Endes in seinen Romanen nicht um das Finden von Tätern oder individuell Schuldigen, sondern um das Vorführen des Funktionieren eines Systems. Wobei er den Reichtum der chinesischen Geschichte und Literatur geschickt einzuweben versteht, denn sein ermittelnder Polizist ist auch ein verhinderter Dichter und Übersetzer westlicher Krimis.

 

Die Lektüre der Kriminalromane über Oberinspektor Chen Cao ist eine äußerste spannende und unterhaltsame Weise mehr zu erfahren über dieses uns so ferne, fremde Land China, einzudringen in seine komplexe politische und gesellschaftliche Lage und in die verwirrende Gefühlswelt seiner Bewohner. Sie hilft, die Bilder und Propaganda­mitteilungen, die uns im Moment aus dem Reich der Mitte erreichen, zumindest etwas besser einzuordnen. 

 

Auf den Bücherbord:

 

„Die Lust am Buch“ Michael Hagner, Insel/Suhrkamp Verlag

 

„Die Wurzeln des Lebens“ Richard Powers, S. Fischer Verlag

 

Lettre International Ausgabe 128

 

„99 Särge“, Qui Xiaolong, dtv Verlagsgesellschaft

„Tödliches Wasser“, Qui Xiaolong, dtv Verlagsgesellschaft

„Schakale in Shanghai“, Qui Xiaolong, dtv Verlagsgesellschaft

 

Die Kolumne LESEZEICHEN erscheint regelmäßig im VDD Journal.

Jochen Brunow ist Gründungs- und Ehrenmitglied des VDD.