15. Juni 2021
 

Respekt! Moderation des Deutschen Drehbuchpreises 2021 von Sebastian Andrae

Autor: VDD

LESEFASSUNG

„Feiern im kleinen Kreis – daran ist schon mal das Feiern schön! Verehrte Frau Staatsministerin, liebe Monika Grütters, liebe Frau Lenz von der Landesvertretung, liebe Gäste, bitte halten Sie Ihre Mimik im Zaum, ich kann Sie alle persönlich erkennen, und ich bin Autor, also sensibel. Und ich könnte Sie erstmals alle persönlich begrüßen in dieser Downsize-Version des Deutschen Drehbuchpreises, die sich gleichzeitig nach einem Riesenschritt in die Freiheit anfühlt – darf ich aber nicht. Wir haben Auflagen, die werden wir erfüllen, wir werden dem Begriff „reibungsloser Ablauf“ einen ganz neuen Sinn verleihen – und wir feiern heute den bedeutendsten Preis der Republik für das Drehbuchschreiben, und darum geht es doch. Unser besonderer Dank geht an die Hausleitung und das Team der Landesvertretung Rheinland-Pfalz für die tolle Flexibilität bei der Vorbereitung, und natürlich ans BKM für das so wichtige Hochhalten dieser goldenen Statue in wenig glänzenden Zeiten. Wenn zwischendurch die Bühne gereinigt wird, ist das kein Pausen-Gag, es ist die Choreographie der Pandemie, zu der inzwischen aber wieder zaghafte Luftsprünge gehören und herzhafter Beifall. Bitte gleich mal einüben für unsere begnadeten Begleiter – das Pulsar-Trio. Mein Name ist Sebastian Andrae, und ich darf Sie als Vorstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren willkommen heißen zum Deutschen Drehbuchpreis 2021!

 

Foto: Moderator Sebastian Andrae © BKM/Herschelmann

Stellen wir uns vor, ein Drehbuchautor, eine Drehbuchautorin sind heute zum ersten Mal dabei, vielleicht sogar nominiert. Sie würden sich hier umschauen, staunen … und sie wären wohl ganz angetan von dem stilvollen Ambiente, von dem Aufwand, den man betreibt, um die Schreiber zu ehren, die Ideengeber und Phantasie-Akrobaten des Films. Denn wie alles andere sind auch Zahlen relativ. 35 Gäste auf einer Preisverleihung: eher wenig. 35 Feiernde nach dem Lockdown: absolut großartig. 35 Zuschauer für einen Kinofilm: selbst für Deutschland mau. 35 Leute, die ein Mitspracherecht beim Drehbuch haben, bis der Film endlich gemacht wird: eindeutig zu viel. Oder wie die Kollegin Janet Roach es ausdrückte: „If the opening credits list only one screenwriter, chances are the movie will be good.“  

Ich hab ein bisschen was zusammengeschrieben, ein paar Pointen skizziert, aber es gibt Menschen, die viel mehr dafür getan haben, um heute hier zu sein: unsere Nominierten für den Deutschen Drehbuchpreis. Emily Atef und Lars Hubrich für „More than ever“ (nominiert war das Drehbuch als „Mister“). Behrooz Karamizade für „Leere Netze“. Und Max Gleschinski für „Alaska“. (…)

 

©  BKM / Herschelmann

 

Sir Michael Caine berichtet in seinem „Kleinen Handbuch für Filmschauspieler“ vom wichtigen Ratschlag, den ihm ein kluger Regisseur gab, als er noch sehr jung war. „Was machst Du in der Szene?“, fragte der Regisseur. „Nichts“, sagte Jung Mike, „ich habe nichts zu sagen.“ „Das“, sagte der Regisseur, „ist ein großer Fehler. Du hast wunderbare Dinge zu sagen. Aber du sitzt hier, hörst zu, denkst an die wunderbaren Sachen, die du sagen könntest – und du beschließt, sie nicht zu sagen. Das ist es, was du in der Szene machst.“ 

 

Nun hätten wir uns in diesem Jahr von so manchem Schauspieler gewünscht, nichts zu sagen, aber Schauspieler dürfen sich mit Fug und Recht von uns Autoren wünschen, dass wir Rollen schreiben, in denen das nicht Gesagte, das vielleicht sogar Unsagbare Ausdruck erhält. Nicht jeder kann so beredt schweigen wie Michael Caine, dessen Leitfaden denn auch den schönen Titel trägt „Weniger ist mehr“. Aber in den Pausen, im Auslassen kann beim Film ja ebenso viel Aussage enthalten sein wie in der Musik – wir vergessen das manchmal angesichts der Wortkaskaden, Satzgewitter, Dialogfluten, welche die Medien über uns ausschütten und deren einziger Sinn manchmal darin zu bestehen scheint, 30, 45, 90 Minuten zu füllen, weil Charaktere, Emotionen und Handlung nicht kraftvoll genug sind. Angeheizt wird diese Inflation des Irrelevanten natürlich noch durch twitter, tiktok, tralala - ein quasi ununterbrochenes Geschwätz, das unsere Aufmerksamkeit nicht nur voraussetzt, sondern gleichzeitig gebieterisch einfordert und nivelliert. Egal, wer zuschaut, zuhört, liest – irgend jemand wird’s schon sein.

 

Und doch darf uns gerade diese Konfrontation mit einem weltweiten Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom als Schreibende nicht dazu verführen, laut zu werden, wo Leises gefragt wäre, platt zu werden, wo es Tiefenschichten aufzuspüren gilt, grob zu werden, wo das Leben einen feinen Vorentwurf bietet. Widerstehe doch der Sünde, heißt eine Bach-Kantate. Ich darf ergänzen: der Sünde, das Offensichtliche auch noch auszusprechen. Falsche Gefühle erzwingen zu wollen, weil wir den echten nicht vertrauen – oder zum Über-Deutlichen gezwungen werden sollen von jenen, die das Geld geben.

 

Widerstehe! Wieder zitiere ich einen Leitfaden für Darsteller, diesmal von einem, der beides ist, nämlich gelernter Schauspieler und auch einer der ganz großen Autoren für Bühne und Leinwand, David Mamet. Auch sein „kleines Ketzerbrevier“ trägt einen dieser zwingend schlichten Titel: „Richtig und falsch“. Sie merken schon, ich will, dass Sie mit GEWISSHEITEN nach Hause gehen:

 

„Es gibt nichts, was in uns keine Gefühle erweckt – Eiscreme, Jugoslawien, Kaffee, Religion -, und wir brauchen diese Gefühle einem Stück nicht hinzuzufügen. Das hat bereits der Autor getan, mit der Wahrheit des Schreibens, und wenn er es nicht geschafft hat, ist es sowieso zu spät.“

 

Ersetzen Sie bei Bedarf „Stück“ durch „Film“ oder auch durch „Serie“. Wenn der Autor, die Autorin ihren Job machen, ihr Handwerk verstehen, ihre Kunst beherrschen, haben die anderen Filmschaffenden alles zu tun, um ihre Vision sichtbar zu machen! Und jene, die das Geld eingesammelt haben, das man für einen Film braucht, und sie haben das auf Grundlage und unter Berufung auf ein Drehbuch getan – die sind angehalten, diese Vision zu schützen und jene zu schützen, deren Begabung es ist, auf weißem Papier oder Bildschirm eine Welt entstehen zu lassen – aus dem Nichts und aus allem, nämlich aus Begabung und Erfahrung.

 

Respekt scheint zur Rap-Floskel verkommen. Aber in Wahrheit ist er das, was wir lernen müssen, wenn wir als Kreative wachsen wollen, und wir wissen uns da im Schulterschluss mit der Kulturstaats-ministerin. Ich darf als Teile einer ausgesprochen respektvollen Jury des Deutschen Drehbuchpreises Elke Brand und Elisabeth Burghardt 2021 auf die Bühne bitten. (…)

 

Herzlichen Glückwunsch an Behrooz Karamizade! Eine Ehre, ein stolzer Moment, und klar, es geht auch um Geld beim Schreiben. Und um Zugang zum Publikum. Wer kraftvollen Stimmen den Resonanzraum entzieht, will sie verstummen lassen – in vielen Ländern leider immer noch Realität. Oder wie Paul Jarrico sagte, der trotz Oscar-Nominierung für das beste Originaldrehbuch auf Hollywoods Schwarzer Liste um sein berufliches Überleben kämpfte: „Screenwriting … there must be a better way of not making a living.“

 

Foto v. l. n. r.: Max Gleschinski, Emily Atef, Lars Hubrich, Preisträger Behrooz Karamizade, Staaministerin Prof. Monika Grütters, Moderator Sebastian Andrae © VDD

 

Das war unser kleiner Family Event, der Deutsche Drehbuchpreis. Es war schön, aber mir ist wichtig zu betonen, dass das hier nicht Schule macht – Autorinnen und Autoren brauchen Publikum, und das Publikum braucht uns, denn Geschichten füllen die Kinos, und beim nächsten Mal lassen wir es wieder krachen und steigen uns gegenseitig auf die Zehen – versprochen! 

 

Eine Bitte habe ich noch, liebe Frau Kulturstaatsministerin, die nur mittelbar mit Film zu tun hat, aber viel mit Träumen und Fantasie. Lassen Sie uns die jüngste Generation nicht verloren geben für die Kultur, Kinder, die vielleicht noch nie ein Theater von innen gesehen haben, deren Eltern auch nicht mit ihnen ins Kino gehen, die stattdessen während dieser schweren Monate stundenlang vor dem Fernseher geparkt wurden, ohne dass jemand mit ihnen über das spricht oder auch nur auswählt, was da vorgeführt wird. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass diese ganz Jungen erfahren, dass Kultur ein Lebensmittel ist und ein Weg, die eigenen Gefühle und Ängste besser zu verstehen und zu verarbeiten. Lassen wir die Zukunft nicht alleine!

 

„Nicht alleine“ ist auch das Stichwort für unser gemeinsames Schlussbild, das wieder quasi als kleines Staatsballett stattfinden muss. Während wir hier nach Vorschrift in Grüppchen auf- und wieder abtanzen, dürfen alle anderen zwanglos nach draußen schlendern. Wir sehen uns beim Get Together, und hoffentlich im nächsten Jahr auf der Berlinale 2022 unter dem Motto: Die Rückkehr des Kinos … und der guten alten Februar-Grippe. Vielen Dank!“

 

Sebastian Andrae